Geschriebene Manufaktur

Wie handschriftliche Zeilen ein Comeback erleben


Schreibkultur kann so viel mehr sein als nur eine Notiz auf dem Küchentisch. Handgeschöpftes Büttenpapier und ein edler Füllfederhalter gelten als die Business-Accessoires schlechthin. So rücken neben der Information auch Charakter und Wertschätzung in den Vordergrund.

Von den alten Ägyptern zum sogenannten Augmented Paper war es freilich ein langer Weg: Dazwischen liegt die Erfindung des Alphabets ca. 1.500 Jahre vor Christus – endlich musste man sich nicht mehr 7.000 Zeichen merken, sondern nur noch 22, später dann unsere 26 Buchstaben. Auch die Erfindung des Buchdrucks und die immer simplere Vervielfältigung von Texten, die in Copy and Paste gipfelte, gehören dazu. Doch immer dann, wenn es um besonders persönliche – Liebesbriefe, Tagebücher – oder besonders wichtige Dokumente ging (Unterschrift), besann man sich auf die Handschrift zurück.

Bildung, ein hoher Rang, Reichtum: Das waren die Attribute, die man im alten Ägypten mit einem schreibenden Menschen assoziierte. Zusammen mit den Sumerern im heutigen Irak bildete das Land entlang des Nils die erste Hochkultur, die eine Schrift entwickelte. Doch nur wenige Menschen beherrschten das 7.000 Zeichen umfassende Hieroglyphen-System, und so waren Schreiber gesellschaftlich angesehene Menschen, die meist hohe Beamtenposten innehatten.

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Im Laufe ihrer 5.000-jährigen Geschichte haben sich Schrift, Schreibkultur und ihre Bedeutung immer wieder gewandelt. Heute verbinden wir mit jemandem, der handschriftliche Stücke verfasst, nicht mehr als Erstes Bildung und Reichtum, wohl aber andere positive Eigenschaften: Wer sich in diesen digitalen Zeiten noch die Mühe macht, per Hand – vielleicht sogar mit Füller und Tinte – einzuladen oder einen Brief zu verfassen, dem schreibt man Wertschätzung zu. Einen Sinn für Ästhetik. Geduld.

Lernen und vertiefen kann man diese Qualitäten in Kalligrafie-Kursen, die immer öfter angeboten werden – und ganz nebenbei verfeinert man dabei noch seine Handschrift. Wörtlich aus dem Altgriechischen übersetzt bedeutet der Begriff Kalligrafie „schönes Schreiben“: Ursprünglich nutzte man diese Kunstform vor allem für sakrale Texte. In Westeuropa hatte sie ihre Blütezeit im Hochmittelalter, als Mönche die Abschrift der Bibel als spirituelle Übung praktizierten: In der Stille der Klostermauern, nur unterbrochen von den Glockenschlägen und Chorgesängen, setzten sie Strich neben Strich. Und noch ein Schwung. Präzise und exakt. Nur nicht in der Konzentration nachlassen.

Heute wird Kalligrafie zwar nicht mehr als spirituelle Übung angewendet, wohl aber als eine Art Meditation wahrgenommen, wie Karin Bauer berichtet. Der Berlinerin unterrichtet seit 15 Jahren, wie man schön schreibt: „Meine Kursteilnehmenden sagen immer wieder, es sei wie Meditation, beruhigend und erholsam, und dass sie dabei den vibrierenden Tagesablauf vergessen können.“ Lernen könne es jeder, der Geduld und Konzentration mitbringe, sich in die anfangs komplett unbekannte Schrift einzufühlen. Doch es muss nicht einmal Kalligrafie sein. Auch Handgeschriebenes beziehungsweise das Ritual des Schreibens hat die „Ausstrahlung des Ungewöhnlichen“, wie Karin Bauer es bezeichnet: Es wird immer als Würdigung empfunden, und gleichzeitig vermittelt es etwas von der Persönlichkeit des Schreibers.

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Der Trend zur Handschrift ist aber auch in anderen Bereichen erkennbar: Grafologen analysieren in den Schwung eines Ls einen ganzen Charakter hinein, handgeschöpfte Papiere sind der letzte Schrei, Sonder- oder Einzelanfertigungen von Füllfederhaltern die neuen Statussymbole. Wer ein besonders edles Exemplar dieses Schreibutensils sucht, das ohne übergroßes Logo auskommt, ist bei Stefan Fink richtig: Die Werke des Hamburgers, der einer der letzten Füllfedermacher Deutschlands ist, messen gerade einmal 14 Zentimeter – und trotzdem sind sie eine Anschaffung fürs Leben.

Wie wichtig gute Schreibgeräte sind, weiß auch Karin Bauer: „Mit einem guten Füller schludert man nicht. Man formuliert persönlicher und fühlt anders – das überträgt sich intuitiv auf die Empfänger.“ Wie man einen „guten Füller“ erkennt? Daran, dass der Stift beim Aufsetzen sofort klar schreibt. Wenn zuerst die Feder durchfeuchtet werden muss oder sich während des Schreibens geringste Widerstände zeigen, ist es eher mindere Qualität, erklärt Bauer. Solche Schreibgeräte gibt es bei Stefan Fink nicht. Er stellt nicht nur Füller und Skizzierstifte her, sondern beweist mit den Modellen „Star“ und „Storch“ zudem, dass auch Kugelschreiber durchaus Klasse haben können.

Selbst die Technik, die ja die Handschrift eigentlich ersetzen sollte, besinnt sich inzwischen auf diese zurück: Neue Geräte verbinden analoges mit digitalem Schreiben. Statt nur zu tippen, kann man auf dem neuen iPad Pro beispielsweise mit dem Apple Pencil auch krakeln und kalligrafieren. Sogar der Traditionalist Montblanc versucht mit seinem „Augmented Paper“ Altes und Neues zu kombinieren: In der zeitlosen Ledermappe lassen sich handschriftliche Notizen auf Papier festhalten – und anschließend per Knopfdruck auf mobile Geräte übermitteln. Quasi eine Hybrid-Lösung.

Doch wie auch immer das archaische Ritual „Pen to Paper“ gepflegt wird, es besitzt eine fast schon meditative Wirkung. Und drückt ganz nebenbei höchste Wertschätzung für den Angeschriebenen aus. Wann nehmen Sie mal wieder einen Füllhalter zur Hand?

Fotos: Karin Bauer; instagram/@blijdevleet; Montblanc

Getragene Manufaktur

Pierre Cardin Sakkos: Der ideale Ort zur Aufbewahrung edler Schreibgeräte.