Junge Literaten

Büchertipps für Charakterköpfe

Bis zu 17 Stunden Dunkelheit warten im Dezember auf uns. Da kann man mit der Planung von reichlich Lesestoff gar nicht früh genug anfangen. Sieben Tipps für seitenweise anregende Unterhaltung, mal ganz analog.

Irgendwann liest man nicht mehr irgendwas. Hoffentlich, schließlich ist Muße für Lektüre eine so knappe Ressource wie Polkappen und Zeit fürs Gym. Pünktlich zur beginnenden dunklen Jahreszeit haben wir die Neuerscheinungen des Jahres durchforstet und einige Titel versammelt, die Mann kennen sollte. Und Frau auch.

„Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Boden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.“ (Hermann Hesse)

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Gesprächs(zünd)stoff

Bei kaum einem anderen deutschsprachigen Autor lässt sich so vortrefflich rätseln wie bei Christian Kracht: Meint der das ernst – oder ironisch? Und bei keinem kann man länger diskutieren, denn Kracht, der mit „Faserland“ debütierte, verweigert strikt jede Aussage zu seinen Büchern. So auch bei seinem neuen Werk „Die Toten“. Landete im Vorgänger „Imperium“ ein Deutscher in der kolonialen Südsee, so trifft jetzt ein Schweizer auf das Japan der 1930er: Der Filmregisseur Emil Nägeli wird 1933 aus Berlin nach Fernost geschickt, denn Japan und Deutschland wollen ein anti-amerikanisches Bündnis gegen die Übermacht Hollywoods schmieden. Die schrecklich schöne Glamourwelt des Films, dazu kulturelle Unterschiede, wie sie größer kaum sein könnten, und ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte – in Christian Krachts Händen und mit vielschichtiger Sprache wird daraus ganz großes Buch-Kino.

„Perfekt komponiert wie ein japanisches Zimmer.“ (Die Welt)

Christian Kracht: Die Toten

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

A Man in Progress

Das Gerede vom starken Geschlecht, das in einer Identitäskrise stecke, begleitet uns bereits seit Jahren – in den Medien, im Fernsehen und natürlich in der Literatur. Wann ist Mann ein Mann? Dieser Frage geht auch Michael Kumpfmüller in seinem neuen Werk nach. Achtung: Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich keineswegs um ein Sachbuch, sondern um einen Roman. Darin setzt sich Georg, der gerne Komponist wäre, mit den verschiedenen Etappen, Schwierigkeiten und Chancen des Mannseins auseinander. Als scheiternder Ehemann, als neuer Liebhaber, als Vater, dem seine Kinder wichtiger sind als alles andere, als Sohn eines patriarchal gestrickten Vaters. Und immer wieder wundert er sich dabei: Was macht mich im Kern eigentlich aus? Themen, die uns alle irgendwann bewegen. Wohl auch deshalb hat es Kumpfmüller, der bereits für frühere Veröffentlichungen vom Feuilleton gefeiert wurde, mit „Die Erziehung des Mannes“ auf die Longlist des Deutschen Buchpreise geschafft.

„Was Kumpfmüller als Menschenerzähler zu leisten vermag, zeigt sich in diesem Roman.“ (Die Zeit)

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Aufwachsen als Albtraum

Auch die gerade einmal 25-jährige Michelle Steinbeck ist in der Vorauswahl für den Deutschen Buchpreis: mit ihrem Roman über – ja, über was eigentlich? Gar nicht so einfach zu beschreiben, entführt uns das Buch doch in eine geradezu fantastische Welt voller surrealer Landschaften und unglaublicher Wesen. Und mittendrin die Hauptfigur namens Loribeth, die mit einem toten Kind (ein fliegendes Bügeleisen trägt die Schuld!) im Koffer nach ihrem Vater sucht, der vor vielen Jahren verschwand. Laut einer magischen Prophezeiung sollen sich alle Probleme in Luft auflösen, sobald der Koffer den Papa erreicht. Also stürzt sich Loribeth in diese schräge, herzenswarme Geschichte über das Erwachsenwerden. Mal traumhaft schön, mal knallharte Wirklichkeit.

„Luzide Absurdheitsprosa zwischen Panik und Komik, vom Feinsten.“ (Berliner Zeitung)

Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch

Erschienen bei Lenos

Vom Verlieren und Wiederfinden

Was der „Popliterat“ Christian Kracht für die 90er war – ein Wortrebell und Mit-Erfinder eines Genres, eines Erzähltons –, das scheint Benedict Wells für die 2010er zu sein. Beide wuchsen in Internaten auf, beide werden/wurden gern als „neue Stimme der deutschen Literatur“ bezeichnet. Doch wo viele von Krachts Werken ihren unterschwelligen Zynismus kaum verhehlen können, blickt Wells wohlwollender auf seine Welt. Das zeigte sich schon in seinem Debüt „Becks letzter Sommer“, und es setzt sich im 2016 erschienenen „Vom Ende der Einsamkeit“ fort. Erzählt wird die Geschichte dreier Geschwister, deren Kindheit jäh vom Tod der Eltern beendet wurde und die diesen Verlust nie wirklich überwinden. Zugleich glückt Wells auch noch eine unerwartete Liebesgeschichte, nämlich die zwischen dem jüngsten Sohn Jules und seiner Jugendfreundin. Ein dichtes Herbstbuch!

„Benedict Wells ist ein Hammer von einem Familienroman gelungen.“ (Der Tagesspiegel)

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Erschienen bei Diogenes

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Stürmische Ermittlungen

Die Bretagne. Für die einen eine karge, unwirtliche, vom Atlantik zerzauste Region am äußersten Rand der Zivilisation; für die Krimireihe rund um Kommissar Dupin jedoch eine faszinierende Arena verzwickter Fälle, skurriler Charaktere und menschlicher Abgründe vor dramatisch schöner Kulisse. Somit dürften die Bretagne-Krimis von Jean-Luc Bannalec auch mehr als jeder Reiseführer dazu beigetragen haben, Tausenden von Lesern Lust auf Urlaub an Frankeichs Nordwestküste zu machen. Sein neuester Fall führt den Kommissar auf die abgeschiedene Île de Sein, auf der eine junge Umweltschützerin ermordet wurde. Dupin lernt rasch: Schweigen ist auf dieser Insel erste Bewohnerpflicht. Der Autorenname ist übrigens das Pseudonym des Schriftstellers Jörg Bong, der zwischen Deutschland und dem Schauplatz seiner Bücher pendelt.

„[…] ein Kurz-Urlaub im Kopf […]“ (Freie Presse)

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Flut

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Zwiespältige Nähe

Ebenfalls ein Pseudonym, und zwar ein streng behütetes, ist „Elena Ferrante“. Die Neapolitanerin veröffentlichte vor über 20 Jahren ihren ersten Roman. Aber erst durch die Serie „Meine geniale Freundin“, deren erster Band im September auf Deutsch erscheint, wurde sie zu einer Weltberühmtheit. Zwei Mädchen, Elena und Lila, wachsen im Neapel der Nachkriegszeit auf, und obgleich sich ihre Leben nicht unterschiedlicher entwickeln könnten, bleiben sie sich in Freundschaft und Rivalität verbunden. Bis Lila 60 Jahre später verschwindet. Wird Elena sie wiederfinden? Kein reines „Frauenbuch“ übrigens, sondern der fulminant besprochene Auftakt der „Neapolitanischen Saga“ einer Autorin, die das Internet bereits zum Hashtag #FerranteFever inspirierte.

„Elena Ferrante ist für Neapel, was Charles Dickens für London gewesen ist.“ (The Washington Post)

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Erschienen bei Suhrkamp

Verehrer von Frauen wie Figuren

„In meinem Werk steckt die ganze Wahrheit über mich. Das bin ja sowieso alles ich.“ Dieser Satz gehört zu den letzten Worten des großen bayerischen Regisseurs Helmut Dietl, und wie für seine Kinohits und TV-Serien gilt er eben auch für seinen letzten „Film“, diese Memoiren. Unvollendet, weil er im Frühjahr 2015 starb, aber dennoch randvoll mit einem kreativen Feuerwerk, das Dietl sein Leben nennen durfte. Eine Kindheit im spießigen Schwabing der 1950er und 1960er, fulminante Erfolge wie „Kir Royal“, „Rossini“, „Schtonk!“ und „Zettl“, ein turbulentes Liebesleben, ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern und, und, und. Nicht nur für Cineasten ein echtes Schmankerl! Das Nachwort schrieb übrigens kein Geringerer als Dietls Freund und vielfacher Co-Drehbuchautor Patrick Süsskind („Das Parfum“).

„Das Buch, in welchem sich Dietl vor aller Augen als Schriftsteller beweist.“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

Helmut Dietl: A bissel was geht immer

Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Fotos: Kiepenheuer & Witsch; Lenos; Suhrkamp; Diogenes; Benedict Wells (Porträt): Bogenberger Autorenfotos