Philippe Starck

Widerspruch als Markenzeichen


„Alles, was ich gestaltet habe, ist absolut unnötig“, sagt der französische Star-Designer. Trotzdem ist Starck seit über 40 Jahren einer der erfolgreichsten Produktgestalter weltweit. Gelernt hat Starck nach seinen Studium an der École Camondo in Paris vor allem bei Pierre Cardin, dessen Studio er 1971/72 schließlich sogar künstlerisch leiten durfte. Bleibt die Frage: Was ist Starcks Erfolgsgeheimnis?

Über 10.000 Produkte und Projekte hat Starck während seiner Karriere entworfen und verwirklicht. Die Bandbreite könnte kaum größer sein: Da sind relative kleine Einzelteile wie eine Zitronenpresse, die aussieht wie eine krude Mischung aus Spinne und Kraken, als dysfunktional verschrien wurde und trotzdem als Design-Klassiker gilt. Und da sind Einrichtungsprojekte wie die Privaträume von François Mitterand im Élysée-Palast und die Yacht eines russischen Oligarchen.

Da ist eine Schuh-Kollektion für Puma, ein Motorrad, das sich nicht verkaufte – und da sind Stühle für unter 10 Euro. Anders als seine Kollegen im Design-Olymp wie Zaha Hadid oder Charles Eames lässt sich der 67-jährige Franzose nicht auf einen Stil festlegen: „Oh, das sieht aber nach einem typischen Starck aus“ – diesen Satz hört man kaum.

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„Vielleicht ist das Wichtigste, das ich geschaffen habe, nicht ein neues Objekt, sondern eine neue Definition für das Wort Designer.“

Philippe Starck

Ebenso widersprüchlich wie seine Konstruktionen ist Starcks Persönlichkeit: auf der einen Seite eine provozierende Rampensau, auf der anderen ein Selbstzweifler, der die Einsamkeit sucht. Wenn ihm alles zu viel wird, zieht er sich mit seiner vierten Ehefrau auf einen seiner abgeschiedenen Wohnsitze zurück: In der Nähe von Venedig hat er ein Haus, ebenso auf einer Insel vor Südfrankreich. Dort sei sein Territorium, dort fühle er sich sicher, erzählte er einem Redakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung, der ihn dort besuchte. Banalitäten wie Karten spielen oder Cocktails trinken seien dagegen für ihn als autistisch veranlagten Menschen die wahre Folter.

Dass ihm soziale Kontakte schon immer schwerfielen, trieb den jungen Starck in die Verzweiflung, bis er schließlich mit dem Entwerfen seine Form des Ausdrucks fand. Aber auch mit einer extrem hohen Produktivität lebt es sich nicht immer einfach: „Ich habe die mentale Krankheit namens Kreativität“, sagt er. Geerbt hat er den Hang zum Entwickeln von seinem Vater, einem Flugzeug-Ingenieur. Starcks Karriere begann als künstlerischer Leiter bei Pierre Cardin, mit dem ihn ein schier unendlicher Einfallsreichtum eint. Von da an ging es Schlag auf Schlag: Mit deren Gestaltung schaffte er den großen Durchbruch.

Auf Mitterands oben erwähnten Auftrag folgte das Interieur des legendären Café Costes in Paris, des Hotspots der 1980er. Drei Jahrzehnte später bringt Starck noch immer unermüdlich Neues auf den Markt: Gerade im September stellte er seine erste Duft-Kollektion vor – eigentlich eine naheliegende Idee, schließlich führte seine Mutter eine Parfümerie. Die Düfte heißen „Peau de Soie“ für Frauen, „Peau de Pierre“ für Männer – und „Peau d’Ailleurs“, über den Starck selbst sagt: „Ein Duft der glückseligen Nostalgie, der Duft des Schattens, der kosmische Geruch der Leere.“

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Auf der anderen Seite des Atlantiks, genauer gesagt in New York, ist Philippe Starck gemeinsam mit dem französischen Gastronomen Claude Louzon dabei, ein Restaurant zu eröffnen: „Miss Paradis“ soll es heißen, ein zweistöckiger Gourmettempel in Lower Manhattan, der sich auf saisonales, gesundes Essen mit mediterranem Einschlag konzentriert. Und ganz nebenbei hat er für die Firma Netatmo intelligente Heizkörperthermostate entwickelt, die Ende des Jahres auf den Markt kommen. Mit ihnen können Haushalte 37 Prozent Energie einsparen.

Wie also kann man den Starck fassen? Er ist jemand, der mittlerweile mehr Mainstream als Avantgarde ist, gleichzeitig exklusiv genug für russische Oligarchen und französische Staatspräsidenten. Ein Designer, der sich nach 40 Jahren gefeierter Erfolge noch immer als Außenseiter unter den Architekten und Entwicklern fühlt?

Vielleicht begreift man Starck besser, wenn man weniger nach dem „Was“ oder dem „Wie“ fragt, sondern stattdessen nach dem „Warum“. Denn wenngleich sich der Pariser nicht auf einen Stil festlegen lässt, steckt doch eine stringente Ethik hinter seinen Entwürfen: Starck, der den Sinn des Lebens darin sieht, „sich zu verdienen zu existieren“, wollte den Job des Designers in etwas anderes verwandeln. Etwas, das mehr ist, als bloß schöne Produkte zu schaffen; etwas, das politischer, rebellischer und subversiver ist. „Vielleicht ist das Wichtigste, das ich geschaffen habe, nicht ein neues Objekt, sondern eine neue Definition für das Wort Designer“, sagte er in der „Zeit“.

Fotos: James Bort; Stephan Kirchner; Netatmo; Weinkeller Chai Les Carmes Haut Brion